ÖPNV in Brandenburg | Gratis mit Bus und Bahn?

Gepostet am 16. Februar 2018 um 6:21 Uhr
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Können die Brandenburger schon bald gratis mit Bus und Bahn fahren? Der bundesweite Vorstoß für einen kostenlosen Nahverkehr ist vom Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Brandenburg positiv aufgenommen worden. 

Jörg Vogler: Beim Vorschlag der Bundesregierung geht es nicht um einen kostenlosen ÖPNV sondern um eine Neuverteilung seiner Kosten, weg von den Fahrgästen und hin zur Allgemeinheit/ dem Steuerzahler. Eine solche Umverteilung hielte ich für gerecht, weil das Thema Klima ebenso wie die Absicherung von Mobilität der Bürger als allgemeine Daseinsvorsorge gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind. Seit Jahrzehnten führt jedoch kein bundespolitischer oder landespolitischer Weg in diese Umverteilung. Es scheint nicht logisch, dass es in unserer Republik flächendeckend Konsens ist, den ÖPNV mit ca. 50 % zu bezuschussen, jedoch eine Aufweitung auf 75 bis 100% immer als nicht finanzierbar abgetan wird. Fakt ist jedoch, die Kommunen könnten dies nicht bezahlen.

In meiner Wahrnehmung ist es geradezu grotesk, wenn jetzt von der Bundesregierung mit der eigentlichen Zielstellung, den motorisierten Individualverkehr in der Folge der Dieselaffäre dennoch für die Städte zu retten, der ÖPNV mit Steuergeldern der Allgemeinheit bedacht werden soll, damit halbherzig umgerüstete Dieselautos weiterfahren können und das Geschäftsmodell der deutschen Automobilindustrie keinen Schaden erleidet. Der ÖPNV wurde also seitens der Bundesregierung als „Scharnier“ erkannt, um logische Folgen der Dieselkrise für die deutsche Automobilindustrie mit Steuermitteln der Allgemeinheit abzuwenden oder abzumildern. Auch wenn das Motiv für dieses Handeln der Bundesregierung daher nicht zu überzeugen vermag, so geht die Steuerungswirkung doch in die richtige Richtung und beschreitet den richtigen Weg. Dieser richtige Weg konnte mit seinen offensichtlichen und guten Argumenten seit Jahren die Bundesregierung nicht zum Handeln veranlassen. Wenn dies nun die deutsche Automobilindustrie konnte, dann könnte man versucht sein, ihr dafür zu danken.

Eine solche Umstellung auf einen fahrscheinlosen ÖPNV kann nicht binnen kurzer Zeit geschehen, da die ÖPVN-Systeme den zu erwartenden Ansturm von Fahrgästen, insbesondere in den Städten, nicht annähernd gewachsen wären. Brandenburg an der Havel hätte für eine solche Umstellung viel bessere Voraussetzungen als z.B. Berlin oder Potsdam. Dennoch wäre auch in Brandenburg an der Havel eine Übergangszeit (mit einer stetigen Preisreduzierung unter gleichzeitiger Kapazitätsaufweitung des Angebotes) von mindestens 5 Jahren notwendig, um die Umstellungsprobleme nicht eskalieren zu lassen.

Für zunächst bedenkenswerter als einen fahrscheinlosen ÖPNV hielte ich aber einen strategischen Ansatz, der die Halbierung der Fahrpreise bei einer Verdoppelung der Leistung (Anschlüsse, Takte, Umläufe…) zum Inhalt hätte. Dies erscheint mir deshalb sinnvoll, weil der typische Autofahrer weniger vom Fahrpreis in Bus und Bahn als von der als ungenügend empfundenen Leistung vom ÖPNV abgeschreckt wird. Dieser typische Autofahrer versteht sein Auto deshalb als notwendigen Komfort, den er sich zu leisten bereit ist. Wenn das Angebot des ÖPNV nicht besser wird, dann wird man auch nur wenige Autofahrer mit einer reinen Kostenneuverteilungsstrategie erreichen.

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Pläne der Bundesregierung: Einsteigen, Platz nehmen, losfahren – und das komplett kostenlos in allen öffentlichen Bussen…

Posted by SKB TV on Donnerstag, 15. Februar 2018

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glaser